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Zwischen Karneval und Kitesurfen

Reisebericht Isla Margarita, Venezuela


Die Wolkendecke bricht auf und die ersten Sonnenstrahlen des Tages blicken hindurch. Schnell packen wir unsere Sachen und laufen los in Richtung Strand. Es hat die ganze Nacht geregnet, Pfützen so groß wie Seen haben sich auf den Straßen gebildet. Das rotbraune Wasser rinnt in Bächen die Straße hinab und man meint, durch ein Flussbett des Amazonas zu laufen.


Der Playa El Aqua hängt in tiefen grauen Regenwolken, nur eine Hand voll Touristen hat es raus, aus den Hotelanlagen, zum Strand verschlagen. Schäumende Wellen krachen tosend an Land und das Meer hat eine eisige dunkelblaue Färbung. Auch die Strandpromenade macht den Eindruck, als wären ihre besten Jahre schon vergangen. Graue Fassaden reihen sich vor dem Strand nebeneinander auf, nur ab und an hebt sich ein bunt gestrichenes Restaurant, von der breiten tristen Masse ab. Es fängt an zu regnen, erst leicht, aber schon Sekunden später bricht ein Wolkenbruch über uns nieder. Wir eilen zu einer Bushaltestelle und quetschen uns zwischen die dort bereits versammelten Insulaner. Komplett durchnässt werfen wir unsere Strandpläne über den Haufen und warten auf den Bus nach Porlamar.



Margarita verfügt über ein veraltetes, bis nicht vorhandenes Abwassersystem, schon nach kurzer Zeit sind aus den Straßen wieder reisende Flussläufe entstanden. Autos fahren gemächlich und mit eingeschalteten Warnblinkern, wie Boote durch die riesigen Pfützen. Die Haltestelle, die uns Schutz vor den vom Himmel strömenden Wassermassen bietet, gleicht einer Insel, die durch die globale Erwärmung zu sinken verdammt scheint. Das Wasser fließt bereits nach kurzer Zeit auf Bordsteinoberkante. Der Bus trifft ein, im Schritttempo, um nicht eine Fontäne auf uns nieder regnen zu lassen. Die mächtigen Reifen des Busses erhöhen den Wasserspiegel beträchtlich und die Flut bricht über die Haltestelle ein. Frauen versuchen hektisch in den Bus zu springen oder krempeln ihre Hosen nach oben. Ein kleines Mädchen verliert ihren Flip Flop, der sofort mit der Strömung fortgerissen wird. Regungslos starrt sie ihrem kleinen Badeschlappen hinterher, der wie ein Floß auf den Wellen schaukelt und schnell an Fahrt gewinnt.


Der Regen wird schwächer, ab und an schafft es die Sonne durch die Wolkendecke zu brechen und scheint durch die lila getönten Scheiben des Busses. Alle Wege führen in Isla Margarita nach Porlamar, man muss fast immer durch die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum der Insel. Wir halten direkt vor dem Plaza Bolívar, einem beliebten Treffpunkt. Vor uns thront die "Iglesia de San Nicolas de Bari", die imposanteste Kirche der Insel, benannt nach dem Schutzpatron der Stadt. Auf dem Plaza Bolívar herrscht reges Treiben, eine äußerst hübsche Moderatorin des Lokalfernsehens interviewt Passanten, Schuhputzer sitzen vor ihren Kunden und polieren dessen Schuhe, Gärtner mähen Rasen und der Duft von frisch geschnittenem Gras übertönt den Abgasgeruch für einen kurzen Moment.


Auf Isla Margarita fahren noch einige der amerikanischen Oldtimer, der 60er und 70er Jahre durch die Gegend. Meist stark verrostet und zerbeult, färben diese Giganten der Straße die Luft mit ihrem blauen Dunst. Es muss an den unglaublichen Spritpreisen von umgerechnet 1,6 Cent pro Liter liegen, dass die Oldtimer noch nicht längst in einem Museum stehen. 1,6 Euro Cent pro Liter Super, subventioniert vom Staat, da macht Auto fahren noch Spaß, selbst die sonst von den hohen Spritkosten geplagten Jeepfahrer, machen einen Kickdown nach dem Anderen. Wir schlendern durch die belebte Einkaufsmeile von Porlamar und lauschen den Klängen einiger Straßenmusiker.


Die dichten Wolken vom Morgen sind verschwunden und die Sonne brennt uns erbarmungslos auf den Kopf. Höchste Zeit aus der Stadt zu flüchten und das Strandleben zu genießen. Wir fahren zum El Yaque, eines der führenden Windsurf-Reviere der Welt. Die Straße führt durch eine kahle Einöde aus Steinen und roter Erde, direkt am Flughafengelände vorbei. Das kleine Dörfchen liegt wie eine Oase in der Wüste, abgesperrt mit einer Schranke von der Außenwelt. Ein paar Hotelanlagen reihen sich vor dem Strand auf und erschweren den Zugang. Horden von Wind- und Kitesurfer belagern den überschaubaren Strand und tummeln sich auf dem Wasser. Badegäste sind hier eher in der Unterzahl. Auch wir leihen uns ein Board aus, inklusive deutschem Surflehrer und versuchen unser Glück. Aller Anfang ist schwer, so auch beim Windsurfen, kaum hat man das große Segel mühsam aus dem Wasser gehievt, schon kommt eine Windböe und bringt einem aus dem Gleichgewicht. Klatschend falle ich ins Wasser und kämpfe mich sofort wieder auf das Surfboard. Nach unzähligen Versuchen gleite ich für einen Moment, mit dem Wind im Segel, über das Meer. Ich triumphiere innerlich und fange gerade an die Fahrt über das türkiesblaue Wasser zu genießen, da kommt auch schon das Signal meines Surflehrers zum umkehren. Etwas enttäuscht lasse ich zuerst das Segel ins Wasser fallen und anschließend mich selbst.


Vier Stunden später haben wir die Einsicht gewonnen, dass wir zwar Lichtmeilen von einer Profikarriere als Windsurfer entfernt sind, aber trotz allem viel Spaß hatten. Ich ziehe meinen Hut vor denen, die gekonnt über das Wasser gleiten, Sprünge und Tricks vorführen und suche nach etwas, dass ich gut kann. Essen! Ein kleines Restaurant mit lokalen Köstlichkeiten ist schnell gefunden. Einfach der Nase nach, schon von weitem riecht man das gegrillte Fleisch vom Smoker und uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Pollo asado, Brathähnchen vom Grill, mit Salat, gebratenen Bananen, roten Bohnen und Maisfladen, dazu ein eiskaltes Polar Bier und ein zufriedenes lächeln zaubert sich in unser Gesicht.


Um nicht ständig den unzuverlässigen Bussen ausgeliefert zu sein, leihen wir uns am darauf folgenden Tag ein Auto aus. Zwischen 17 und 35 Euro muss man für einen Mietwagen pro Tag bezahlen, was wir Aufgrund der nichtvorhandenen Spritkosten, als durchaus erschwinglich betrachten. Ein kleiner silberner Toyota Yaris ist nun für einige Tage unser Gefährte. Der kleine Flitzer hat mehr Kratzer als Lack und seine Mängelliste gleicht dem Strafregister eines Schwerverbrechers. Auf Isla Margarita gibt es keine Radarkontrollen, keine Alkoholkontrollen, nur Schlaglöcher, letzteres allerdings reichlich. Kühle feuchte Luftmassen strömen aus den Lüftungsschlitzen unterhalb der Frontscheibe. Unser kleiner Toyota hat keine Heizung, nur einen Off, kühl oder schweinekalt Regler. Wie feine Nebelschwaden, kann man die kühle Luft beim Austreten aus der Lüftung erkennen. Schon nach ein paar Minuten, fangen wir zu frieren an und drehen den Regler auf Off. Wir kurbeln die Fenster herunter und genießen den lauwarmen Fahrtwind. Unser erster Stopp ist der über 20 Kilometer lange Muschelstrand, der sich von La Guardia, bis auf die Halbinsel Macanao erstreckt. Wir sammeln Muscheln und bunte vom Wasser rund gewaschene Steine, bevor wir unsere Inseltour fortsetzen.



Von La Guardia fahren wir zu dem Laguna de la Restinga National Park, ein Naturschutzgebiet mit üppigen Mangrovenwäldern. Hier hat man die Auswahl zwischen drei Touren, 30 Minuten Rundfahrt, 60 Minuten Rundfahrt und 60 Minuten Rundfahrt mit Besuch des Strandes. Wir entscheiden uns für letzteres und steigen mit unserem Guide José, in eines der Motorboote. Anfangs brettern wir mit Vollgas über einen breiten See, im Hintergrund erscheinen die im Folksmund "Las Tetas de María Guevara" genannten Berge, die aus dieser Entfernung ihrem Namen alle Ehre machen und sich, wie wohlgeformte Brüste, gen Himmel ragen. Selbst José, bekommt ein freches Grinsen ins Gesicht. Unser Guide verringert die Geschwindigkeit und wir schlängeln uns durch die Mangrovenwälder. José zeigt uns Seepferdchen, rot leuchtende Seesterne und legt sie uns auf die Handflächen. Man merkt auf der Haut, wie die tausend kleinen Füßchen des Seesterns ihn langsam nach vorne bewegen. Sanft legt José die Tierchen zurück ins Wasser und wir gondeln weiter. An manchen Stellen ist der Kanal nur ein paar Zentimeter breiter als das Boot, doch unser erfahrener Guide, lenkt uns gekonnt hindurch.


Einige Minuten und verschiedene exotische Tierarten später, legen wir am Strand an. José verspricht uns in einer guten Stunde hier wieder abzuholen und fährt sogleich von dannen. Wir bleiben nicht lange unbemerkt und werden noch am Pier von einem der Restaurantbesitzer abgefangen. Frischer Red Snapper soll unser Mittagessen werden und wir spazieren, bis das Essen zubreitet ist, noch etwas am Strand entlang. Wir befinden uns am selben Küstenabschnitt, wie zuvor noch in La Guardia, nur dass an diesem Ende des Strandes feiner Sand und Liegestühle, die Muscheln und bunten Steine ersetzen. Das Essen wird aufgetischt, gebratener Red Snapper mit Maisfladen, etwas Salat und gebratenen Bananen. Eine Stunde ist schnell vorbei und José wartet sicher schon, also ab zum Pier und rein ins Motorboot. Wir schaukeln noch knappe 20 Minuten durch die skurrile Mangrovenlandschaft, bevor wir in den Heimathafen einlaufen. Dankend verabschieden wir uns von José und setzten unsere Inselerkundung im Toyota fort.


Gleich hinter dem Nationalpark befindet sich die einzige Brücke auf die Halbinsel Macanao. Unbewachte Polizeisperren vermitteln den Eindruck, als würde man die Grenze in ein anderes Land überqueren. Macanao ist nur dünn besiedelter, hier findet man keine vollen Strände, keine Windsurfer und keine großen Hotelanlagen. Alles wirkt staubiger und trockener als auf der Hauptinsel und meterhohe Kakteen sind oft die einzigen farblichen Nuancen in der kargen Wüstenlandschaft. Wir fahren an den westlichsten Zipfel der Insel, nach Punta Arenas. Karibische Klänge schallen aus einem Autoradio, zu denen ein paar Einheimische im Schatten tanzen und feiern. Wir schlendern den breiten und langen Sandstrand ab, der auf der Karte, wie eine Beule ins Meer ragt. So haben wir uns die Karibik vorgestellt, ohne riesige Bettenburgen, die den Weg zum Strand versperren, dafür mit malerischen Strohhütten und einem fast menschenleeren Strand.


Zufrieden genießen wir hier den Sonnenuntergang, der laut einheimischen Fischern hier am schönsten seien soll. Im Hintergrund schallen noch immer karibische Klänge aus dem Autoradio und wir lassen einen erlebnisreichen Tag zufrieden ausklingen. Morgen geht es auf den Karnevalumzug nach Juangrego, der einiges an neuen Eindrücken und Erfahrungen mit sich bringen wird, aber das ist eine andere Geschichte.


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