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Zwischen Gastfreundlichkeit und Motorrollern

Reisebericht Vietnam


3-2-1 Yeahhhhy, mit einem gewaltigen Feuerwerk wird das Jahr des Drachen eingeläutet. Auf den Straßen, die sonst von unzähligen Motorrollern dominiert werden, stehen dicht gedrängt Millionen von Menschen. Ganz Hanoi scheint auf den Beinen zu sein, um das neue Jahr willkommen zu heißen. Auch wir reihen uns in die Menschenmassen ein, die sich rund um den Hoan Kiem See eingefunden haben. Es nieselt, dazu ist es ungemütlich windig und kalt, doch keiner will das gigantische Feuerwerk verpassen. Hanoi hat keine Mühen gescheut und beschießt die Stadt eine knappe halbe Stunde mit bunten, faszinierenden Lichterformen. Uns fällt auf, dass sich die Vietnamesen erschreckend gesittet benehmen. Keiner zündet einen Böller oder trinkt Alkohol, stattdessen betrachten sie andächtig das Feuerwerk. Die letzten Raketen leuchten noch schwach am Himmel, als sich die Menge schon in Gang setzt und in alle Richtungen verstreut. Wir blieben ungläubig stehen, bis die ersten Motorroller sich hupend die letzten Ecken der Straße zurückerobern. Zeit für uns aufzubrechen.



Die Straßen von Hanoi sind in dichten Rauch gehüllt und es riecht nach Lagerfeuer. Überall brennen Opfergaben aus Papier. Das Tet-Fest ist das wichtigste Fest der Vietnamesen und auch gleichzeitig deren Neujahr. Familien kommen zusammen, kleiden sich festlich und feiern gemeinsam. Für uns ist das Tet-Fest sowohl Fluch als auch Segen. Zum einen werden wir überall zum Essen eingeladen und können Ende Januar ein zweites Mal das Jahr begrüßen, doch ist es in dieser Zeit auch äußerst schwierig, günstige Unterkünfte oder Weiterreisemöglichkeiten zu finden. Wir nehmen es gelassen, bleiben ein paar Tage länger im kühlen Hanoi und nutzen die Zeit um die Stadt und die Umgebung zu besichtigen.


Drei Autostunden von Hanoi entfernt, begrüßt uns die Halong-Bucht verhalten in Grautönen. Ein Schleier aus Regenwolken liegt tief über den Kalkfelsen. Die roten Flaggen an den Booten sind die einzigen Farbnuancen in der Ferne. Mit einer in die Jahre gekommenen Dschunke tuckern wir gemächlich durch das Felsenmeer und besichtigen die großen Höhlen auf den Inseln. Bunte Strahler lassen die grotesken Gesteinsformen der Hang Sung Sot Höhle kitschig wirken. Im Krieg gegen die Franzosen und Amerikaner dienten die Höhlen als Auffanglager für Flüchtlinge, Nachschubdepots und Krankenhäuser. Heute schleusen Sie tausende von Touristen durch die schmalen Gänge des UNESCO Weltkulturerbes.


Wir lassen die windige Halong-Bucht hinter uns und fliegen nach Hue in Zentralvietnam. Starker Regen erwartet uns bereits. Mit langen Regencapes besichtigen wir die verbotene Stadt, die nach dem Vorbild Pekings entstanden ist. Die filigranen Pagoden, Statuen und Paläste erinnern mich an Szenerien aus alten Kung-Fu Filmen mit Jackie Chan. Ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt, wo ich stundenlang vor dem Fernseher saß, um die fremde Kultur und deren tödliche Kampfkünste zu studieren. Mit dem gleichen Elan erforsche ich nun die weitläufige Zitadelle. Leider teilen meine Reisebegleiter diese Euphorie nicht ganz und sind vom strömenden Regen genervt. Wir stärken uns bei einer Nudelsuppe und nehmen gegen Abend den Bus nach Hoi An. Etwas über 100 Kilometer trennt die beiden Touristenmagnete voneinander, doch das Wetter und die Temperaturen in Hoi An sind wesentlich angenehmer. Mit 25 Grad und Abendsonne werden wir begrüßt. Hoi An ist ein gemütliches Fischerdörfchen am Südchinesischen Meer. Lampions erleuchten abends die Straßen, Fahrräder verdrängen Motorroller, alles ist gemächlicher und traditioneller. So haben wir uns Vietnam vorgestellt. Gleich am nächsten Morgen leihen wir uns auch ein paar Fahrräder und erkunden die Region. Rost dominiert, Gangschaltung Fehlanzeige, dafür aber praktische Fahrradkörbchen vorn am Lenker. Entspannt radeln wir vorbei an leuchtend grünen Reisfeldern und idyllischen Flussläufen. Wasserbüffel kreuzen unsere Wege, Einheimische laden uns auf ein Getränk zu sich nach Hause ein und Frauen tragen flache, kegelförmige Hüte, aus Palmenblättern, auf ihren Köpfen. So ähnlich muss es hier schon vor hundert Jahren ausgesehen haben.



Schweren Herzens verlassen wir Hoi An um mit dem Nachtbus ins ca. 800 Kilometer entfernte Mui Ne zu fahren. Nachtbusse sind nicht mein Fall, ich kann in den unbequemen Kojen kein Auge zumachen. Vielleicht liegt es aber auch am Fahrstil, denn der Fahrer scheint nur drei Dinge zu kennen, Vollgas, Vollbremsung und die Hupe. Mit tiefen Augenrändern erreichen wir gegen Mittag den Badeort. Mui Ne besteht aus einer unendlich langen Küstenstraße und einem schmalen Streifen Hotels zu jeder Seite. Touristen sind hier klar in der Überzahl und so müssen wir lange nach einem entsprechenden Quartier suchen. Gegen Abend können wir dann endlich an den Strand um etwas zu schwimmen. Wer hier allerdings Traumstrände und türkisblaues Wasser erwartet, wird enttäuscht, die Strände von Mui Ne sind zwar sauber, aber auch unspektakulär. Dafür schmecken die gegrillten Meerestiere umso besser und eigentlich sind wir ja nur hier, um uns die roten Sanddünen anzuschauen und vom regenarmen Mikroklima zu profitieren. Regenarm bleibt es auch am nächsten Tag und so radeln wir zu den Dünen. Die Sonne hat den Sand schon heißgekocht und wir huschen die hohen Sandberge mit brennenden Sohlen hinauf. Man fühlt sich, als wäre man in der Wüste. Sandberge bis zum Horizont. Auf kleinen Plastikbrettern rutschen wir die Dünen hinunter, nur um anschließend, völlig atemlos, wieder hinaufzurennen. Schon nach kurzer Zeit sehnen wir uns nach einer Abkühlung und so fahren wir, ohne Umwege, an den nächsten Strand.


Das Baden und Sonne tanken hat gut getan. Erholt können wir uns in das Gewirr von Ho Chi Minh Stadt schmeißen. Das ehemalige Saigon wird von hupenden Motorollern beherrscht, die zentimetergenau an einem vorbei brausen. Ansonsten hat die Stadt alles, was ein Touristenherz höher schlagen lässt. Tag- und Nachmärkte, Massagestudios, Reisebüros, Bars, Kneipen, Shopping Malls, Museen und Restaurants, nur keinen Mc Donalds. Nicht dass ich, bei dem reichen Angebot von köstlicher Nahrung, einen vermisse würde, aber in ganz Vietnam wird man das Schnellrestaurant mit dem gelben M nicht finden. Alte Wunden heilen eben doch nicht so schnell!
Wir sind mehr an der Geschichte des Landes interessiert, als an ihren Vergnügungsviertel und planen einen Ausflug zu den Cu Chi Tunnel. Über 200 Kilometer Tunnelsystem, auf bis zu drei Ebenen, haben die Vietcongs hier erschaffen. Ganze Städte haben sie unter der Erde angelegt, mit Schulen, Lazaretten, Büros, Küchen und Wohnräumen. Alte Panzer, Munition, Waffen und Fallen sind hier zu bestaunen und wer mag, kann sogar selbst mal ein Maschinengewehr abfeuern. Die ganze Grässlichkeit des Krieges wird zur Schau gestellt. Die Vietnamesen hingegen gehen versöhnlich mit ihrer Geschichte um und zeigen sich freundlich und weltoffen.


Für uns geht es weiter durch das Mekong Delta bis nach Kambodscha. Besonders die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen hat uns in Vietnam beeindruckt. Wir wurden überall warmherzig empfangen, eingeladen und versorgt. Selten haben wir so eine Gastfreundlichkeit erlebt.


Vietnam ist noch nicht ganz so touristisch überlaufen, wie Thailand. Allerdings gibt es schon Pläne, die größte Insel Phu Quoc, soll beispielsweise ein zweites Phuket werden. Wer Vietnam also noch in einer ursprünglicheren Form kennen lernen will, sollte sich lieber beeilen.


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